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MySoul-App von Doctorprime © Helge Plehn

Ein Chatbot gegen die Traurigkeit

Hamburger Startup Doctorprime hat mit UKE-Professor Michael Schulte-Markwort einen Messenger für depressive Kinder entwickelt

„Wie war`s in der Schule, Schatz?“ Während diese Frage seitens fürsorglicher Mütter bei ihren Sprösslingen meist auf wenig Begeisterung trifft, kann die gleiche Frage im Smartphone-Display heilsame Wirkung haben. Zumindest wenn es sich um einen MySoul-Patienten handelt. MySoul ist ein Messenger-Chatbot, der sich an Kinder und Jugendliche mit Depressionen richtet. So ein ´Plauder-Roboter` ist ein Online-Dialogsystem, das in Echtzeit arbeitet und eine Unterhaltung in natürlicher Sprache erlaubt – und damit eine sprachliche Begleitung der Betroffenen. Rund 1.500 Jugendliche erhalten jedes Jahr allein am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf die Diagnose Depression. Doch aufgrund zu geringer Therapiekapazitäten dauert es in der Regel mehrere Monate, bis mit der Behandlung begonnen werden kann.

Fragen automatisieren und damit die Wartezeit überbrücken

„Das ist der Punkt an dem MySoul ansetzt. Unser Messenger überbrückt die Wartezeit mit einer Reihe von Fragen, Übungen und Videos, die Denkansätze transportieren, wie etwa akute Traurigkeit oder depressive Phasen überwunden werden können“, erklärt Helge Plehn, Mitgründer von Doctorprime. Das Startup hat* MySoul* zusammen mit Professor Michael Schulte-Markwort, Klinikdirektor am Zentrum für Psychosoziale Medizin im UKE und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie entwickelt. Die Idee sei von dem Mediziner ausgegangen, der angesichts der Flut von Anfragen etwas tun wollte, um die jungen Patienten schon vor Beginn der Therapie begleiten zu können. Schließlich stellten sich Ärzte zunächst auch mehr oder weniger immer die gleichen Fragen – das müsste sich doch automatisieren lassen?

Wird es kritisch, löst MySoul Alarm aus

Diese Idee diskutierte der Professor auf einer Veranstaltung mit Hanno Behrens. Der erfahrene Gründer holte Plehn – promovierter Ingenieur und ITler – für die technische Realisierung an Bord und die drei gründeten* Doctorprime*. 2018 ging MySoul online. „Die Fragen sind im Grunde ganz einfach, sie starten klassisch mit ´Wie geht es dir?` und werden in der Folge immer detaillierter“, erläutert Plehn. Zeichne sich im Chat eine eindeutig negative Tendenz ab, geht der Dialog darauf ein, bis zu einer Frage wie: ´Willst du nicht mehr leben?` Bei entsprechender Antwort, löst das Programm Alarm aus. „Dann geht sofort eine Nachricht an Professor Schulte-Markwort und sein Team raus, die so umgehend intervenieren können.“

Die Kommunikation über den Messenger wird als ganz natürlich empfunden

Meistens aber verliefe der Chat keineswegs so dramatisch, die meisten fühlten sich einfach wohl mit MySoul, weiß Plehn. „Die Jugendlichen wissen durchaus, dass sie mit einem Bot kommunizieren, aber trotzdem verbinden sie damit etwas Persönliches.“ Das mag auch an der Lebensrealität der Digital Natives liegen, denn die kommunizieren mit ihren Freunden ohnehin täglich intensiv über Messenger-Dienste. „Und manche sprechen über ihre Probleme sogar lieber mit dem Bot als mit ihren realen Freunden.“

App ab knapp 10 Euro

MySoul richtet sich an Jugendliche ab 12 Jahren, aktuell ist die App rund 180 Mal im Einsatz. „Das war anders gedacht“, sagt Plehn. Da der Messenger gemeinsam mit Professor Schulte-Markwort vom UKE entwickelt wurde, hatte das Startup auf eine enge Kooperation mit der Klinik gehofft. „Das hätte neben den zahlreichen Nutzern auch die Abrechnung über die Krankenkassen eingeschlossen.“ Da es sich beim Projekt MySoul jedoch nicht um eigenständiges Projekt des UKE handelt, ist es auch „kein Bestandteil der Krankenversorgung im UKE“, bestätigt Saskia Lemm, Pressesprecherin des UKE. Die Gründer überlegen nun, wie es weitergehen kann. Vertragsverhandlungen mit Krankenversicherungen laufen, doch Verträge mit jeder Versicherung einzeln abzuschließen ist aufwändig. Bleibe der Markt der Selbstzahler.

Wie geht es weiter?

Die App kostet 189,99 Euro inklusive der Betreuung durch den UKE-Professor. Die Lightversion – ohne den Mediziner – würde nur mit 9.99 Euro zu Buche schlagen. Um den dafür nötigen Marketingaufwand zu bewältigen, überlegen Plehn und Behrens weitere Mitstreiter ins Team zu holen. Die Lightversion würde zwar nicht unbedingt steil in die schwarzen Zahlen führen – aktuell finanzieren sich die Gründer demnach noch privat – „aber lieber so, als die App ungenutzt zu lassen. Denn sie funktioniert. Und sie ist wichtig!“, so Plehn.
ys/kk

Quelle und weitere Informationen:
www.msm-mysoul.de

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